Landwirtschaft im Internetzeitalter

Existenzfragen der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise

Stephan Eisenhut

Denken Sie sich für einen Augenblick einen Menschen, der eine schwere Krankheit hat, die nur durch strengste Diät zu heilen ist. Andernfalls müsste sie unweigerlich zum Tode führen. Zunächst versucht dieser Mensch, die Diät einzuhalten. Es widerspricht das aber ziemlich seinen Lebensgewohnheiten. Bald ist er wieder in den alten Trott zurückgefallen: "Es wird schon nicht so schlimm sein", denkt er, oder: "Ich will mir doch durch diese Ärzte nicht die Freude am Leben verderben lassen."

Die Diagnose ist klar: Der Patient ist willensschwach und täuscht sich über bestimmte Lebensrealitäten hinweg, nur um ja nichts an seinen Gewohnheiten ändern zu müssen.

Durch BSE-Krise und Maul- und Klauenseuche wurde uns im letzten Jahr ein erschreckendes Bild von den Verhältnissen der modernen "Agrarproduktion" vor die Seele gestellt (und dies nicht zum ersten Mal!). Die "Agrarwende" war in aller Mund. Dennoch sind die tatsächlichen Veränderungen beim Verbraucherverhalten viel geringer als man dieses erwarten würde.

Warum ist dieses so, fragt sich Nikolai Fuchs, Leiter der landwirtschaftlichen Abteilung der Naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum. Man hätte schon oft untersucht, wie viel der einzelne bereit wäre, für Ökoprodukte auszugeben. Die Antworten ergäben ein Vielfaches von dem, was dann tatsächlich umgesetzt würde. Er "habe den Eindruck, dass wir als Gesellschaft in der heutigen materialistisch-naturwissenschaftlichen Zeit eine Determinierung des Menschen vorfinden in Richtung homo oeconomicus. Fast in einer Art Antrainierung." (1)

In der Tat kann man heute überall erschreckende Inkonsequenzen im Verhalten der Menschen erleben. Anthroposophen sind davon nicht ausgenommen. "Wenn ich mich geistig mit der Welt auseinandersetze, brauche ich nicht noch zusätzlich Demeterprodukte zu essen", so scheint manch einer der vermeintlich "guten Anthroposophen" zu glauben. Dagegen rechtfertigt er den Einkauf im Supermarkt mit einer besonderen Form undogmatischer "Weltoffenheit". Verständlich wäre es, wenn ein geringes Einkommen nötigen würde, "billig" im Discounter einzukaufen.

Die Krise der Landwirtschaft hängt ganz offensichtlich mit Willensproblemen zusammen und diese lassen sich nicht ohne weiteres durch Appelle an den Verbraucher lösen. Es gilt zunächst Bewusstsein auch für die wirtschaftlichen Zusammenhänge zu schaffen. Der Grund, warum es den Landwirten nicht möglich ist, ihre Produkte zu dem Preis zu verkaufen, den sie eigentlich brauchen, um weiterhin Leistungen in hoher ökologischer Qualität erstellen zu können, ist in einer wirtschaftlichen Grundproblematik zu suchen. (2)

Lebens- und Todespol im modernen Wirtschaftsleben

Die Landwirtschaft ist ein zentrales Glied im Wirtschaftsorganismus der Erde. Wie ein Hoforganismus nicht gesund sein kann, wenn der Anteil des Viehbestandes weit über dem liegt, was entsprechend an landwirtschaftlicher Weidefläche zur Verfügung steht, kann der Wirtschaftsorganismus nicht gesund sein, wenn ein bestimmter Faktor sich übermäßig geltend macht. Gemeint ist das Kapital, welches durch seine anonymen Bewegungen über die Weltmärkte hin das ganze Wirtschaftsgeschehen bis in seine Fundamente hinein dominiert.

Auf diesen, dem menschlichen Zugriff sich immer weiter entziehenden Faktor, hat der Begründer die biologisch-dynamischen Landwirtschaft schon 1908 hingewiesen. (3) Im "Nationalökonomischen Kurs", hat Rudolf Steiner diesen Zusammenhang dann 1922 ausführlich beleuchtet.

Die Gedanken Rudolf Steiners, insbesondere zum sozialen Organismus, werden oft als Zumutung empfunden. Tatsächlich widersprechen sie den normalen Denkgewohnheiten, und dennoch wird man dabei auf einen erstaunlichen Zusammenhang zwischen einer zu starken Ausdehnung der Industriewirtschaft und dem Preisverfall in der Landwirtschaft stoßen.

Das menschliche Wirtschaften entfaltet sich zwischen zwei Polen. An dem einen Pol geht das Wirtschaften des Menschen in einen Naturvorgang über, an dem andern in das Wirtschaften der "Kapitalmassen als solcher". Rudolf Steiner verglich dazu das Spektrum der wirtschaftlichen Tätigkeit des Menschen mit dem Farbspektrum. (4) Auch dieses geht an seinen Grenzen in zwei qualitativ andere Gebiete über: an der einen Grenzen verwandelt sich das Rot in die für das Auge unsichtbaren Wärmewirkungen (Infrarot), an der anderen Grenze das Violett in die unsichtbaren chemischen Wirkungen (Ultraviolett). So wie das Farbspektrum an zwei Grenzen in die Unsichtbarkeit übergeht, verliert das Gebiet des menschlichen Wirtschaftens sich nach zwei Seiten in Gebiete, die außerhalb dessen liegen, was hier mit dem Adjektiv "menschlich" beschrieben werden kann.

Relativ leicht ist einzusehen, dass die Landwirtschaft an dem einen Pol des menschlichen Wirtschaftens steht, der in das Gebiet des selbständigen "Wirtschaftens der Natur" hinüberführt. Nicht der Landwirt selbst erzeugt die Produkte, sondern er stellt lediglich die Bedingungen her, dass die Natur sie hervorbringen kann. Er kann der Natur ablauschen, wessen sie gerade bedarf. Dann wird er zugleich ihr Pfleger sein. Oder er kann ihr etwas aufzwingen, so wie dieses heute in der Agrarindustrie geschieht. Dann wird er zum Zerstörer der natürlichen Grundlage, was spätestens an der Krise der Landwirtschaft deutlich wird.

Weniger leicht einzusehen ist der andere Pol, nämlich die Tatsache, dass das monetäre Kapital heute längst in einem Bereich jenseits des menschlichen Wirtschaftens liegt. Wohl sind es noch Menschen, die auf den Kapitalmärkten ihre Interessen verfolgen. Aber man kann sich durchaus bereits jetzt fragen, inwiefern die Bewegungen der Kapitalmassen, die im Internetzeitalter in Sekundenschnelle über den Globus verschoben werden, noch der Ausdruck eines menschlichen Willens sind. Es ist symptomatisch, dass das Ausmaß des Börsen-Crashs vom 19. Oktober 1987 auch dadurch verursacht wurde, dass vorprogrammierte Computer und nicht Menschen die Verkaufsorder erteilten. Doch gleichgültig ob Computer oder Menschen diese Handlungen ausführen, kann man sich ernsthaft fragen, inwiefern bei dieser Art der Kapitalverwaltung die einzelne menschliche Persönlichkeit noch irgendeine Rolle spielt? Sind diejenigen, die durch ihren Mausklick diese Massen bewegen, nicht vielmehr Getriebene eines ihnen gar nicht bewussten "unmenschlichen" Kollektivwillen?

Die Eigendynamik des globalen Kapitalmarktes erfordert, dass das Kapital eine "produktive" Anlageform findet, die möglichst hohe Gewinne abwirft. Die menschlich sinnvollen Möglichkeiten einer solchen wirtschaftlich-produktiven Anlage sind aber begrenzt. Nicht begrenzt scheint nur die menschliche Erfindungsgabe, Produkte auszuhecken, in unglaublichen Mengen industriell zu fertigen und zugleich dafür den gewünschten Bedarf künstlich anzufachen. Das aber hat gravierende Folgen, die Rudolf Steiner in seinem Nationalökonomischen Kurs 1922 bereits genau beschrieben hat: Es wird dadurch schlicht die Industrieproduktion auf dem Rücken der landwirtschaftlichen Produktion ausgedehnt. Je mehr Einkommen in der Industrie- und Kapitalwirtschaft gebildet wird, desto tiefer müssen die Preise für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse gedrückt werden und desto schwieriger wird die Einkommensbildung in der Landwirtschaft.

"Noch nie haben die Bundesbürger so wenig für Nahrung ausgegeben wie heute. So haben sich von 1962 bis 1998 die prozentualen Ausgaben für die Ernährung mehr als halbiert, von 37 auf 14 Prozent des privaten Verbrauchs." (5) "1991 wurden in den landwirtschaftlichen Betrieben Deutschlands 1,77 Millionen Arbeitskräfte (im Betrieb beschäftigte Familienarbeitskräfte und ständige familienfremde Arbeitskräfte) beschäftigt, sechs Jahre später waren es noch 1,24 Millionen".(6) Diese Zahlen sprechen für sich. Der "Städter" leistet sich immer perfektioniertere Autos, Computer, Hifi-Anlagen, Handys sowie ausgiebige Flugreisen in ferne Länder und vieles mehr. Für seine Ernährung will er hingegen kaum etwas ausgeben. Die Wirtschaft steht unter dem Zwang zu investieren, um die "fortschrittlichsten" Produkte oder immer speziellere Dienstleistungen anbieten zu können. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Dynamik des Kapitals auch die Lebenskräfte des Wirtschaftsorganismus völlig erschöpft hat.

"Kapital" als Saatgut

Der Pol, an dem die biologisch-dynamische Landwirtschaft pflegend tätig ist, kann durchaus als Lebenspol des Wirtschaftslebens charakterisiert werden; der Pol, der in das Gebiet der unpersönlichen Kapitalbewegungen überführt, hingegen als Todespol. Was müsste geschehen, damit die Kräfte, die vom Todespol ausgehen, nicht den ganzen Wirtschaftsorganismus dominieren und krank machen? Rudolf Steiner gibt hier einen erstaunlichen Hinweis: Das Kapital müsste bis auf ein gewisses Maß verbraucht werden. So wie der Landwirt einen Teil seiner Ernte zurückbehält, um im nächsten Jahr wieder säen zu können, so sollte nur ein Teil des Kapitals für die wirtschaftlichen Investitionen zurückbehalten werden. Der Rest müsste bewusst konsumtiv verwendet werden, wenn der ganze Wirtschaftsorganismus keinen Schaden nehmen soll. Richtig verbraucht würde dieses Kapital dann, wenn es in die "kulturelle Produktivität" übergeführt werde, denn diese ist vom Gesichtspunkt des Wirtschaftslebens rein konsumtiv.

Ein wenig verkürzt kann man durchaus sagen: Würde weniger Kapital in die Industrieinvestitionen fließen, so würde das Angebot an Industriewaren zurückgehen und die Preise in der Landwirtschaft könnten auf das richtige Niveau steigen. Gleichzeitig würde auch das Beschäftigungsniveau in der Landwirtschaft wieder ansteigen. Dieser allgemeine Zusammenhang hat Gültigkeit, wenn er auch durch zahlreiche andere problematische Wirtschaftsprozesse überdeckt wird. Eine Lösung der Probleme ist damit jedoch noch nicht gefunden. Es wird aber die Frage der Kapitallenkung im Wirtschaftsleben ins Blickfeld gerückt. Wer soll denn entscheiden, wie viel und an welchen Ort im sozialen Organismus Kapital fließen soll?

Wer ist heute der richtige Kapitalverwalter?

Gegenwärtig tritt auch in den so genannten Marktwirtschaften der Staat als Kapitalverwalter auf. "Das Einkommen der Bauern bildet sich schon heute über die Hälfte durch staatliche Zuwendungen und immer weniger über Markterlöse."(7) Der Staat tritt als Umverteiler von Kapital auf, weil der "Markt" nicht die gewünschten Ergebnisse hervorbringt. Das letzte Jahrhundert hat allerdings deutlich gezeigt, dass weder durch die marktwirtschaftliche (kapitalistische) noch durch die staatliche Lenkung der Kapitalströme (Planwirtschaft) die wirtschaftliche Entwicklung in eine gesunde Richtung gebracht werden kann. Dennoch wird weiterhin versucht, durch eine "richtige Mischung" dieser beiden Ansätze, das Problem in den Griff zu bekommen. Völlig unbeachtet ist geblieben, dass am Anfang des letzten Jahrhunderts von Rudolf Steiner noch auf eine ganz andere Lösungsmöglichkeit gewiesen wurde: Das Kapital dürfe weder handelbar sein wie eine Ware noch dürfe es durch staatliche Eingriffe gelenkt werden, sondern die Kapitalverwaltung müsse einzig allein durch die menschliche Individualität, d.h. durch das geistige Glied des sozialen Organismus, bewerkstelligt werden. Alle Versuche des bewussten Wirtschaftens oder des anderen Geldumganges der bankähnlichen Einrichtungen weisen in diese Richtung.

Diese Anregungen sind bisher dennoch im Wesentlichen entweder missverstanden worden oder einfach unbeachtet geblieben. Vor allem scheint auch die tägliche Erfahrung der Wirtschaftspraktiker sie ins Reich der weltfremden Hirngespinste zu weisen. Dabei beeinflussen die großen Fragen der Kapitalverwaltung die Geschicke der ganzen Menschheit, ähnlich wie die Entscheidungen der Pharaonen die Geschichte des alten Ägyptens. Das Rätsel der Gegenwart ist, wie aus der menschlichen Individualität heraus ein Geistesleben entfaltet werden kann, welches eine sachgemäße Lenkung der Kapitalströme ermöglicht.

Das Bild der Wirtschaft als Bild des Menschen

Man wird vieles andere finden, was berechtigt auch als Ursache der Krise der Landwirtschaft angesehen werden kann. Der hier aufgezeigte Grund steht allerdings unmittelbar in Zusammenhang mit der gegenwärtigen menschlichen Entwicklungssituation. Dieses lässt sich plastisch anhand eines Vergleichs mit dem menschlichen Organismus zeigen.

Der "Todespol" des menschlichen Organismus ist das Nervensystem (insbesondere das Gehirn); der "Lebenspol" das Stoffwechselsystem (einschließlich des Fortpflanzungssystems). Hier findet sich größte Vitalität der Zellen, dort, im Gehirn, die stärksten Abbaukräfte. Die gegenwärtige Entwicklungssituation des Menschen ist dadurch gekennzeichnet, dass besonders das intellektuelle, gehirngebundene Bewusstsein entwickelt wurde. Ein Bewusstsein also, welches sich ganz stark am Abbaupol des menschlichen Organismus bildet. Die Vereinseitigung dieser Entwicklung führt zu einer Intellektualität, die sich nicht mehr mit den Lebensprozessen der Welt verbinden kann, d. h. zu einer Intellektualität, die ein abgelöstes, verselbständigtes Dasein ausbildet. Die Verselbständigung der Kapitalprozesse im Wirtschaftsorganismus ist daher ein echtes Spiegelbild dieser menschlichen Bewusstseinslage.

Von diesem Gesichtspunkt her kann eine wirkliche Lösung der Krise der Landwirtschaft nicht unmittelbar durch Maßnahmen gelingen, die nur bei der Landwirtschaft selbst ansetzen. "Maßnahmen" im gewöhnlichen Sinne werden bei dem grundsätzlichen Problem überhaupt nicht weiterhelfen. Vielmehr wird die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins einen Fortschritt in der Richtung machen müssen, dass es sich auf eine Stufe erhebt, die sich wieder auf neue Art individuell mit den Lebensprozessen verbinden kann. Das ist auch ein Willensproblem, jedoch von ganz anderer Art als dasjenige, welches eingangs betrachtet wurde.

Den "Bann" durchbrechen

Durch die Vereinseitigung des menschlichen Intellektes wird der Wille der individuellen Persönlichkeit abgelähmt. Der Einzelne glaubt, seinem Willen frei zu folgen. In Wirklichkeit unterscheidet sich "sein" Willensimpuls gar nicht von dem tausender anderer Menschen und verursacht entsprechende Verhältnisse um uns. Das ist die gegenwärtige Menschheitssituation. Ein Ausweg kann nur gefunden werden, wenn immer mehr Menschen diesen "Bann" selbst durchbrechen. Hier kann jeder Einzelne ganz unmittelbar etwas tun. Das beste Heilmittel, um die Lähmungen des Denkwillens zu überwinden, ist, konkretes Interesse für eine Sache zu entwickeln. Da es hier um die Sache der Landwirtschaft geht, kann man also gleich damit beginnen.

Wer sich auf den Standpunkt stellt: Ich kaufe meine Lebensmittel im Supermarkt, weil ich mir anderes sowieso nicht leisten kann, und sich nicht für die Situation der Landwirtschaft interessiert, wendet sich von der Welt und den Gegenwartsproblemen ab. Ebenso wendet sich aber auch derjenige ab, der sich ohne wirkliches Interesse für die Landwirtschaft nur aus egoistischen Gesundheitsgründen etwa nur mit Demeterprodukten versorgt. Vielleicht kann er sich als Konsument diese Produkte gar nur deshalb leisten, weil er völlig gedankenlos sein Einkommen aus der Anlage seines Kapitalvermögens bezieht?

Die Landwirtschaft braucht nicht bloß Käufer, die bereit sind, höhere Qualität mit höheren Preisen zu bezahlen. Sie braucht auch Menschen, die sich wirklich für deren Produktions- und Lebensbedingungen der Landwirte interessieren. Dieses Interesse schafft erst den Boden für eine heilsame soziale Lebenspraxis.

"Während ich ganz gedankenlos meinen Franken für irgend etwas hingebe, ist immer ein kleiner Dämon da, der darauf schreibt, wie viel an der Natur vollbrachte Arbeit das Entsprechende ist."

Rudolf Steiner

Was lässt uns vor einem solchen echten Interesse zurückschrecken? Vielleicht fühle ich dunkel: Wenn ich mich darauf einlasse, dann werde ich gar nicht mehr unbefangen ganz "normal" einkaufen können. Bei jedem Geldstück, welches ich ausgebe, wird die Frage zu bohren beginnen: "Wessen Leistungen bezahlst du da eigentlich? Honoriere ich, wenn ich beispielsweise ein Stück konventionell hergestellte Butter kaufe, nicht gerade denjenigen der Hochleistungsmilchkühe, die niemals auf die Weide kommen, in riesigen Ställen, betriebswirtschaftlich gesehen "optimal" versorgt, so dass der "Agraringenieur" einen "maximalen Ertrag" für sein "Produkt" erzielen kann? Müsste ich nicht eigentlich doch bereit sein, einen solchen Preis zu bezahlen, der die Leistungen, die für eine artgerechte Tierhaltung erforderlich sind, auch finanziell ermöglicht? - Vom geistigen Standpunkt ist es nicht unbedeutend, solche Fragen zuzulassen, selbst wenn man aus bestimmten Gründen in der konkreten Situation nicht anders handeln kann.

Am Ende des "Nationalökonomischen Kurses" fasst Rudolf Steiner das, worum es hier geht in ein Bild: "Während ich ganz gedankenlos meinen Franken für irgend etwas hingebe, ist immer ein kleiner Dämon da, der darauf schreibt, wie viel an der Natur vollbrachte Arbeit das Entsprechende ist." Durch mein Interesse beginne ich zu verstehen, mit welchen Konsequenzen meine Geldausgabe verbunden ist. So bemerke ich plötzlich, dass ich selbst mit meinem Einkaufsverhalten nicht bereit bin, mehr "an der Natur vollbrachte Arbeit" zuzulassen und vielleicht dadurch die "Agrarwende" herbeizuführen.

Gegenwärtig kann Vieles noch nicht radikal geändert werden. Mein Einkommen nötigt mich vielleicht tatsächlich, nur "billige" Nahrungsgüter zu kaufen. Oder ich empfinde: Ja ich kann mir alle Premium-Demeter-Qualität leisten, aber nur deshalb, weil ich zu denen gehöre, die von den gegenwärtigen Kapitalverhältnissen profitieren.

Diese Tatsachen sich - durchaus schmerzhaft bewusst zu machen - ist der erste Schritt, denn er verändert mich. In dem einen Fall werden mir vielleicht schon bald Dinge unwichtiger, die mir früher unentbehrlich schienen und die nun mein Budget entlasten. Immer öfter wird mir unter Umständen möglich, dass ich "richtige" d. h. entsprechend hohe Preise für Qualitätsprodukte der Landwirtschaft bezahlen kann. In dem anderen Fall werde ich vielleicht beginnen, stärker auf die Anlageformen "meines Kapitals" zu achten und dieses nur noch gezielt, z. B. in einem Landwirtschafts- oder Saatgut-Fonds einsetzen.

Natürlich sind dies nur erste Anfänge. Eine Bewusstseinsveränderung aus eigener Kraft ist ein langer Prozess. Wenn eine Gruppe von Menschen (nur wenige Prozent der Bevölkerung) diese Anfänge aber konsequent lebt, so wird sich auch gesellschaftlich bald etwas ändern. Und vor allem führt das dazu, dass man die Leistungen der Landwirte, die sich im täglichen Überlebenskampf gegenüber dem Wirtschaftsdruck behaupten müssen, auch würdigt. Der Salat oder die Butter ist dann eben nicht "zu teuer", sondern hat einen mehr als angemessenen Preis.

Stephan Eisenhut



* * * Die Formel vom richtigen Preis * * *


"Ein richtiger Preis ist dann vorhanden, wenn jemand für ein Erzeugnis, das er verfertigt hat, so viel Gegenwert bekommt, dass er seine Bedürfnisse, die Summe seiner Bedürfnisse, worin natürlich eingeschlossen sind die Bedürfnisse derjenigen, die zu ihm gehören, befriedigen kann so lange, bis er wiederum ein gleiches Produkt verfertigt haben wird. Diese Formel ist, so abstrakt sie ist, dennoch erschöpfend. Es handelt sich ja beim Aufstellen von Formeln eben darum, dass sie wirklich alle konkreten Einzelheiten enthalten. Und ich meine, für das Volkswirtschaftliche ist diese Formel wirklich so erschöpfend wie, sagen wir der Pythagoreische Lehrsatz erschöpfend ist für alle rechtwinklige Dreiecke." (8)


Anmerkung 1: Vgl. Nikolai Fuchs, Interview in Zeitschrift "Novalis", 9/10, 2001
Anmerkung 2: siehe Die Formel vom richtigen Preis
Anmerkung 3: Vgl. Rudolf Steiner, Die Apokalyse des Johannes (GA 104)
Anmerkung 4: Vgl. Rudolf Steiner, Nationalökonomischer Kurs (GA 340), 1. Vortrag.
Anmerkung 5: Zeitschrift Ökologie und Landbau, 1/2001, S. 14
Anmerkung 6: Statistisches Bundesamt
Anmerkung 7: Vgl. Götz Schmidt, Ulrich Jasper: "Agrarwende" München 2001, S. 59
Anmerkung 8: Rudolf Steiner; Nationalökonomischer Kurs (GA 240), Vortrag vom 29.7.1922